Red Bull lässt sich von Ferrari inspirieren … aber auf seine eigene Art: Der „Macarena“-Flügel neu interpretiert
In der Formel 1 ist Nachahmung kein Betrug. Oft ist es sogar ein Kompliment. Und dieses Mal hat sich Red Bull eine Idee von Ferrari zu eigen gemacht – mit der klaren Absicht, sie nach eigenem Geschmack umzusetzen.
In Silverstone hat der aktualisierte RB22 an einem Drehtag diskret seine neuen Trümpfe gezeigt. Und im Mittelpunkt der Diskussionen: ein Heckflügel, der vom berühmten „Macarena“-Konzept von Ferrari inspiriert ist.
Das Prinzip? Den Flügel auf der Geraden zu schwenken, um den Luftwiderstand zu verringern. Weniger Luftwiderstand, höhere Höchstgeschwindigkeit. Auf dem Papier klingt das fast zu schön, um wahr zu sein.
Doch während Ferrari sich für eine ausgeklügelte Lösung entschieden hat – mit in die Seitenflügel integrierten Aktuatoren, die das gesamte System um mehr als 200 Grad drehen können –, hat Red Bull einen eher… pragmatischen Weg eingeschlagen.
Bewusste Einfachheit, angestrebte Effizienz
Bei Red Bull gibt es keine strukturelle Revolution. Das Team behält einen zentralen vertikalen Aktuator bei und passt die mechanischen Verbindungen an. Das Ergebnis: eine begrenztere Drehung von etwa 110 bis 120 Grad, aber ein einfacheres System, das schneller zu entwickeln und vor allem weniger riskant ist.
Kurz gesagt: Während Ferrari auf maximale aerodynamische Raffinesse setzt, setzt Red Bull auf Robustheit und schnelle Einsatzbereitschaft. Eine in Milton Keynes wohlbekannte Philosophie: einfach, aber gut.
Und in einem Sport, in dem Vibrationen, Belastungen und Wochenenden ohne Sicherheitsnetz die Norm sind, ist es nie eine schlechte Idee, die Anzahl der beweglichen Teile zu reduzieren.
Ein Kompromiss… wie immer in der F1
Natürlich ist nicht alles perfekt. Der zentrale Aktuator stört den Luftstrom leicht, was auf den schnellsten Strecken wie dem Autodromo Nazionale Monza oder dem Circuit de Spa-Francorchamps einige Zehntelsekunden kosten könnte.
Aber Red Bull setzt auf etwas anderes: eine schnellere Weiterentwicklung und mehr Beständigkeit. Denn in der F1 kann eine Lösung, die zwar etwas weniger leistungsstark, aber perfekt beherrscht wird, mehr wert sein als ein brillantes… aber launisches Konzept.
Eine umfassende Weiterentwicklung, kein bloßes Spielzeug
Dieser neue Heckflügel kommt nicht allein. Der in Silverstone gesichtete RB22 verfügte außerdem über:
- neu gestaltete Pontons
- einen überarbeiteten Frontflügel
- aerodynamische Anpassungen bis hin zum Halo
Kurz gesagt: Es handelt sich nicht um eine kleine Überarbeitung, sondern um ein echtes Update. Eine direkte Reaktion auf einen Saisonstart, der etwas hinter den Standards des Teams zurückblieb.
Ferrari feilt an Details, während Red Bull auf den Plan tritt
In Maranello bleibt man nicht untätig. Das „Macarena“-Konzept, das kurz zu sehen war und dann wieder zurückgezogen wurde, wird derzeit optimiert.
Lewis Hamilton selbst hat es zugegeben: Die ursprüngliche Einführung war zweifellos etwas übereilt. Seitdem hat sich Ferrari die Zeit genommen, das Konzept zu verfeinern, unter anderem bei den jüngsten Tests auf dem Autodromo Nazionale Monza.
Zwei Ansätze, zwei Geschwindigkeiten: Red Bull verfeinert auf der Strecke, Ferrari feilt intern.
Diese Art der Anpassung ist nichts Außergewöhnliches. Das haben wir 2009 beim Doppel-Diffusor von Brawn GP oder 2010 beim F-Duct von McLaren gesehen: Eine gute Idee bleibt nie lange isoliert.
Wenn Red Bull sich dafür interessiert, dann liegt das daran, dass das Potenzial durchaus real ist.
Auf dem Weg zu einem Schneeballeffekt?
Die eigentliche Frage ist nun einfach: Welche Version wird auf der Rennstrecke am effektivsten sein?
Ferrari könnte den reinen Vorteil bei der Höchstgeschwindigkeit behalten. Red Bull hingegen könnte von der Zuverlässigkeit und der schnellen Umsetzung profitieren.
Und wie so oft in der Formel 1: Wenn sich der Vorteil bestätigt, wird der Rest des Feldes nicht lange zögern, nachzuziehen.
In der Zwischenzeit ist eines sicher: Selbst wenn Red Bull kopiert, kopiert es nie wirklich. Und genau darin liegt wohl der ganze Unterschied.